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Herbst in den Ardennen

Nachdem das spätsommerliche Schönwetter unabwendbar doch noch kam, habe ich mich, bewaffnet mit Zelt und Schlafsack, auf meinen Aluesel geschwungen und bin gen Südwesten gefahren. Zunächst ging es quer über diverse Käffer nach Batice, wo ich auf die alte Bahnlinie von Plombières (Bleyberg) nach Lüttich traf. Sie führt mitten durch ein altes Fort, das im ersten(!) Weltkrieg ein Teil des Verteidigungsringes um Lüttich war. Ein bisschen möchte man den diensthabenden Soldaten wegen der tollen Aussicht auf das Herver Land dennoch beneiden.

Aussicht vom Fort Battice auf das Herver Land
Aussicht vom Fort Battice auf das Herver Land

Von nun an ging es auf dem Bahntrassenradweg stets bergab nach Lüttich. Leider überquert er unzählige Straßen, sodass man eigentlich nie richtig in Schwung kommt. Und leider endet er nicht im Zentrum von Lüttich sondern in Chenée. Von dort wird man von einer rudimentäre Beschilderung über Einfallstraßen ins Zentrum der Stadt geleitet – «suboptimal» das ganze.

Lüttich erstrahlte im besten Tageslicht, und so konnte ich nicht widerstehen, ein paar Fotos zu machen.

Brücke über die Maas (Pont de Fragnée)
Brücke über die Maas (Pont de Fragnée)
Einer der unzähligen Angler an der Maas, hier in Lüttich unter der Pont de Fragnée
Einer der unzähligen Angler an der Maas, hier in Lüttich unter der Pont de Fragnée

Nun ging es der Maas entlang. Theoretisch(!) gibt es Treidelpfade, die man mit dem Fahrrad befahren kann. Praktisch geht es nicht auf der ganzen Länge, sodass ich mich auf anderen Wegen und Straßen an den Stahlkochern vorbei durchschlagen musste.

Industrielandschaft der Maas
Industrielandschaft der Maas

Hinter Seraing beginnt dann tatsächlich ein als Radweg ausgeschilderter Treidelpfad. Doch bald schon versperrt ein Bauzaun den Weg. Ich frage einen entgegenkommenden Hundeausführer, ob man denn weiter käme, und er meinte: «Oui, pas de problem!» Ja – das ist Belgien! Als Grund der Sperrung stellten sich schnell starke Schäden des Weges heraus, die aber nicht unpassierbar waren. Vor allem wollte ich unbedingt einen bestimmten Blick auf das Schloss Chokier, das auf der gegenüber liegenden Seite der Maas auf einem Felsen gebaut ist:

Schloss Chokier, auf einem Felsen über der Maas gebaut
Schloss Chokier, auf einem Felsen über der Maas gebaut

Weiter ging es den nun wieder guten Treidelpfad. Bis ich mitten in einem Kieswerk landete, wo zwei Arbeiter gerade einen auf meinem Weg stehenden LKW mit Wasser abspritzten. Auf dem Boden war eine drei Zentimeter tiefe Matschschicht (als Resultat des Kieswerkes bzw. der Verladung auf Schiffe). Der LKW versperrte mir den Weg, aber die Arbeiter zeigten, ich solle rechts vorbei. Zwischen Maas und LKW gab es tatsächlich genügend Platz – einen Meter oder so. Ich betone, ich war auf einem offiziell für Radfahrer freigegebenen Weg unterwegs!

Der weitere Weg bis Huy war unspektakulär. Kurz vor Huy, in Tihange, fährt man um das einzige wallonische Atomkraftwerk herum (in Flandern bei Antwerpen gibt es das zweite Belgische Kernkraftwerk). Erst heute las ich, dass hier vor einer Woche 600 Liter einer zwar nicht strahlenden, aber giftigen Flüssigkeit in die Maas flossen. Schön! Ob das die vielen Angler auch wissen? Oder sind die dagegen inzwischen resistend?

Kernkraftwerk Tihange (bei Huy) mit drei Reaktorblöcken
Kernkraftwerk Tihange (bei Huy) mit drei Reaktorblöcken

Huy selbst ist eigentlich ganz nett. Sehr eng an der Maas und zugleich unter einem Fels gebaut, auf dem die Zitadelle über das Maastal wacht:

Huy an der Maas und unter der Zitadelle
Huy an der Maas und unter der Zitadelle

Ab Huy ging es dann wirklich auf sehr gut zu fahrenden Treidelpfaden an der Maas entlang! Zwar ohne Highlights, aber trotzdem fährt es sich ganz schön und vor allem gemütlich. Immer wieder sassen Angler am Ufer, still auf sich besonnen, während sich die Sonne langsam dem Horizont nährte.

Kernkraftwerk Tihange (bei Huy) mit drei Reaktorblöcken
Kernkraftwerk Tihange (bei Huy) mit drei Reaktorblöcken

Die nächste größere Stadt ist dann Namur, die Hauptstadt der Wallonie. Sie liegt an der Mündung der (oder des?) Sambre in die Maas. Auch diese Stadt wurde von einer riesigen Zitadelle bewacht, die heute als Ruine touristisch vermarktet wird. Als ich in Namur ankam war es allerdings schon dunkel.

Namur bei Nacht
Namur bei Nacht

In Namur macht die Maas einen Knick nach Süden. Das Tal wird enger und gemütlicher. Nach etlichen Kilometern und einigen Schleifen erreiche ich am nächsten Morgen Dinant. Auch diese ist stolzer Besitzer einer Zitadelle. Als ich in Dinant ankam, hat sich gerade der Morgennebel gelichtet, und die ersten Sonnenstrahlen des Tages fielen auf die Häuser.

Dinant in den ersten Sonnenstrahlen des Tages
Dinant in den ersten Sonnenstrahlen des Tages

Drei Kilometer südlich von Dinant mündet die Lesse in die Maas. Der Fluss ist sehr beliebt bei Kajakfahrern. In engen Schlingen windet sich der Fluss um die selbst geschaffenen Bergkegel der bewaldeten Ardennenlandschaft. Ich fuhr etwas in das Tal hinein, denn ich hatte dort ein Ziel: Das Schloss Walzin! Vergangenen Dezember sah ich es vom Zug aus, und nun wollte es etwas näher erkunden.

Nach wenigen Kilometern, das Schloss sah ich schon über mir, musste ich auf die gegenüber liegende Talseite, um die «richtigen» Perspektive zu haben. Der Weg quert laut meiner Karte hier das Tal, doch von einer Brücke war weit und breit nichts zu sehen. Auch eine Spur durch den Fluß war nicht unbedingt zu erkennen. Ich fragte eine alte Frau, die mit ihrem Auto gerade von der Mühle Walzin kam, und vernahm ihre Worte, die ich eigentlich schon befürchtet habe: «Traversez la Lesse!» Na dann...

Mein Fahrrad ließ ich stehen, zog Schuhe und Socken aus und stürzte mich in die Fluten. Das Wasser war hier zwar nicht sehr tief (an der tiefsten Stelle nicht mal bis zu den Knien), dafür war der Fluss aber breit. Und kaaaaaaaaalt! Und die Kieselsteine waren auch bald nicht mehr angenehm. Ja, ich weiß, das fördert die Durchblutung! Aber was tut man nicht alles für schöne Fotos.....

Schloss Walzin im Lessetal
Schloss Walzin im Lessetal
Das Schloss Walzin ist auf einem hohen Felsen gebaut, der quasi der Lesse entspringt
Das Schloss Walzin ist auf einem hohen Felsen gebaut, der quasi der Lesse entspringt

Auf dem Rückweg war noch immer keine Brücke gebaut, also das ganze Spielchen nochmal. Dann fuhr ich schnell zurück nach Dinant, weil nun die Sonne gut stand.

Dinant am Mittag, als die Sonne hoch am Himmel stand
Dinant am Mittag, als die Sonne hoch am Himmel stand

Nun ging es weiter Maasaufwärts. Bis hierher kannte ich die Gegend halbwegs, nun betrat bzw. befuhr ich Neuland. Die Landschaft änderte sich dahingehend, dass das Tal nun noch enger und auch gleichmäßiger wurde, und es wirkte alles sehr abgeschieden. Man konnte meinen man fährt dem Rand der Erdscheibe entgegen. Aber schön war es! Vor allem die hohen Felsen, die direkt der Maas entsprangen und bei Kletterern sehr beliebt schienen.

Auch weiter Maasaufwärts gibt es hohe Felsen direkt am Ufer
Auch weiter Maasaufwärts gibt es hohe Felsen direkt am Ufer
Sie spiegeln sich wunderschön im nihct gerade sauber wirkenden Wasser der Maas
Sie spiegeln sich wunderschön im nihct gerade sauber wirkenden Wasser der Maas

Fast nahtlos geht Belgien in Frankreich über. Allerdings wird das Tal hier wieder breiter, aus Wälder werden zu Wiesen, und mittendrin liegt Givet. Ein altes Städtchen und – richtig, eine Zitadelle! Etliche Touristen scheinen sich das Jahr über hierher zu verirren, so ganz nachvollziehen kann ich es allerdings nicht, seis drum.

In Givet beginnt ein Radweg namens «Trans-Ardennes». Er ist 83 km lang und führt in die Weltstadt Charleville-Mézières. Er ist, wie sich mit der Zeit herausstellt, wirklich sehr gut zu befahren! Kein einziges Schlagloch, kein andere Unebenheit, und keine großen Steigungen, herrlich!

Doch zunächst komme ich an dem zweiten Atomkraftwerk an der Maas vorbei. Es ist in einer Flussschleife versteckt.

Das zweite Kernkraftwerk an der Maas befindet sich in Frankreich etwas süglich von Givet
Das zweite Kernkraftwerk an der Maas befindet sich in Frankreich etwas süglich von Givet

Schnell wird das Tal wieder eng, sehr eng sogar. Steile Hänge, bis obenhin bewaldet, es wirkt sehr eng und verlassen. Daran können auch die Dörfer von beträchtlicher Größe nichts ändern. Die Maas ist hier deutlich kleiner als in Lüttich oder Maastricht, aber klar, ich fahre ja der Quelle entgegen.

Das nächste Highlight war dann ein Tunnel in der kleinen Stadt Revin! Und zwar hat man für die Schiffahrt einen Kanal durch eine Bergnase gebaut, damit man mit dem Schiff nicht den riesigen Mäander ausfahren muss. Und natürlich gibt es auch im Tunnel einen Treidelpfad, der jetzt eben der Radweg ist. Der Tunnel ist zwar beleuchtet, wirkt aber trotzdem düster und eng, und von der Decke lösen sich immer wieder schillernde Wassertropfen.

So fahre ich Kilometer um Kilometer der Maas entlang. Inzwischen ist es Nacht, und noch immer bin ich in kurzer Hose und T-Shirt unterwegs. Es ist 10 Uhr nachts, und mein Thermometer zeigt 15°C – ja, das ist Hochsommer! Und das am 9. Oktober.

Die letzten Kilometer des Trans-Ardennen-Radweges befahre ich dann in der Morgensonne.

Morgensonne im Maastal
Morgensonne im Maastal

Dann erreiche ich Charleville-Mézières. Wie eigentlich alle französischen Städte versinkt sie im Verkehrschaos. Gut, Sonntag morgens geht es, aber man kann anhand der Straßenführungen erahnen, was an einem normalen Werktag hier abgeht!

Das Zentrum der Stadt, immerhin die Hauptstadt des Departements «Ardenne», ist dagegen vollkommen unfranzösisch, denn der quadratische Platz ist kein(!!!) Parkplatz! Stattdessen schlüpfen Cafés und Restaurants in die Arkaden unter den Häusern, die in einheitlichem Stil aus gelbem Stein gebaut sind. Gefällt mir!

Charleville-Mézières von Charleville-Mézières: Quadratisch und in einheitlichem Baustil
Charleville-Mézières von Charleville-Mézières: Quadratisch und in einheitlichem Baustil

Die Fahrt nach Sedan, der nächsten Stadt Maasaufwärts, war eher uninteressant. Sie führte durch französische Dörfer, die aber mehr oder weniger nichtssagend waren. Sedan selber ist dann eine etwas größere Stadt, zumindest wirkt sie größer, obwohl sie nicht mal 20.000 Einwohner hat. Es gibt hier eine ganze Reihe sehr schöner Einzelgebäude, aber insgesamt wirkt sie Stadt auf mich uneinheitlich. Die Burg wirbt damit, die «Größte Festung Europas» zu sein. Interessant, dass man selbst Teile des eigenen Landes nicht mehr zu Europa zählt, denn ich kenne zumindest eine größere Festung: Carcassonne.

Da es noch nicht allzu spät war, mache ich mich auf, um mein letztes Ziel der Reise noch vor Sonnenuntergang zu erreichen. Ich wollte mal sehen, wo unsere Brühe herkommt, wenn sie nicht aus dem Hause Maggi oder Knorr stammt. Buillon ist ein mittlerweile groß gewachsener Ort an einer Flussschleife des (oder der?) Semois, von steilen und hohen Hängen umgeben. Er wird von einer riesigen Burg dominiert und ist eines der Hauptziele von Ardennentouristen. Mein Eindruck: Die Lage ist Top, die Festung ganz imposant aber nicht unbedingt schön, und der Ort nichts besonderes, eher nichtssagend, an den Hängen mahnen hässliche Hotels vor dem Tourismus. Der wiederum spielt sich eigentlich nur an der Promenade ab, auf der Festung und dahinter in dem Park, von dem aus man einen wirklich schönen Blick auf die Burg hat.

An meinem Ziel angekommen: Bouillon
An meinem Ziel angekommen: Bouillon

Mit einer sehr leckeren Pizza im Magen lies sich dann die Burg in beleuchtetem Zustand ablichten:

Die nächtlich beleuchtete Burg spiegelt sich in den Fluten der Semois
Die nächtlich beleuchtete Burg spiegelt sich in den Fluten der Semois

Damit war meine Mission in den Ardennen erledigt. Darum beschloss ich am nächsten Tag, die Rückfahrt mit dem Zug anzutreten. Zum einen lies sich die Rückfahrt nicht sinnvoll durch besondere Orte leiten, dafür aber warteten unzählige Anstiege auf mich. Und nicht zuletzt ist es sogar billiger dls die sonst notwendigen zwei Restaurantbesuche der zweitägigen Fahrt. Wen es interessiert – die Rückfahrt habe ich im Eisenbahnforum beschrieben:

ICE-Treff.de